Das Archiv der Burschenschaft Frankonia zu Heidelberg geht - wie viele andere und fast alle studentischen Archive - auf private Sammler- und Stiftertätigkeit zurück. Im Wesentlichen war es unser Bbr. Fritz Ullmer (geb. 1873; rezipiert 1893; gest. 1952), der bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann, sich sehr gründlich mit studentischer, universitärer und burschenschaftlicher Geschichtsforschung zu befassen. Er machte sich unter den deutschen Studentenhistorikern bald einen Namen und gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl zu den bekanntesten und engagiertesten Vertretern dieses Faches. Eine Vielzahl von einschlägigen Publikationen - in denen die jeweiligen Autoren oder Herausgeber ihm stets für seine Mithilfe, seine Anregungen und seine Unterstützung danken - sprechen eine beredte Sprache. Allerdings - und das ist für uns sehr bedauerlich - hat er uns ein relativ kleines und sehr verstreut publiziertes Oeuvre hinterlassen, welches noch der Aufarbeitung harrt. So ist es nicht verwunderlich, dass Bbr. Ullmer mit großem Eifer, ebenso großem Sachverstand und nicht nachlassender Sorgfalt den Grundstock für diese unsere Sammlung legte und darüber hinaus in den ersten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts das Archiv in der Frankonia institutionalisierte. Regelmäßige Aufsätze im MEO und zahlreiche Hinweise in einschlägigen Publikationen der damaligen Zeit stellen das schnelle „Wachsen, Blühen und Gedeihen“ unseres Archivs in relativ kurzer Zeit eindrucksvoll unter
Beweis.
Wichtig sind an dieser Stelle zwei Hinweise; einmal: wie ordnete Bbr. Ullmer die Archivthemen ein und: welche Aufgaben sollte das Archiv haben. Er verstand die Studenten- und Universitätsgeschichte stets als integralen aber auch eigenständigen Teil der allgemeinen Geschichte und hier insbesondere der Sozial-, Orts- und Kulturgeschichte und er forderte, dass das Archiv nicht nur ein Ort des Sammelns, Ordnens und Bewahrens von Unterlagen und Gegenständen
sei, sondern er verband damit eine konkrete Aufgabe, die - würde man versuchen, es mit einem modernen Begriff zu belegen – als Dienstleistungsfunktion zu umschreiben wäre. Das war für ihn eine sehr wichtige Aufgabe des Frankenarchivs.
Im und nach dem Ersten Weltkrieg ging die Sammeltätigkeit zeitbedingt zurück, ohne dass das Archiv hierdurch Schaden genommen hätte. Zwischen den Weltkriegen machte Bbr. Ullmer das Archiv durch wichtige Neuerwerbungen und verschiedenste Publikationen bekannt.
Von der Auflösung der Burschenschaft Frankonia im Jahre 1936 bis zur Wiedererlangung des beschlagnahmten Hauses im Jahre 1952 ruhte die archivarische Tätigkeit weitestgehend. Große Teile des Archivs überlebten zwar in den „Geheimräumen“ des Hauses, aber immer wieder - bis zum heutigen Tag - stoßen wir in Literaturhinweisen auf ehemalige Archivbestände, deren Verlust es leider zu beklagen gilt. Dennoch haben wir viel gerettet und auch einiges wieder beschafft. Bbr. Ullmer folgte im Amt des Archivars der Mediziner Bbr. Wilhelm Schmeel III (1883 – 1962), dem wir eine Vielzahl wichtiger Zeitdokumente verdanken, die er entweder selbst sammelte oder von Bundesbrüdern erhielt und die er in handgeschriebenen z.T. gebrauchten Umschlägen archivierte; ein überaus bedeutsame - wenn auch sehr individuelle - Quelle.
Die Verluste der Heidelberger Korporationen im 2. Weltkrieg waren vergleichsweise gering. Eine Tatsache, die leider nicht von der Zeit um 1968 gilt. Einige Aktivitates dieser in Heidelberg sehr unruhigen, aber „ungeheuer progressiven Zeit“, die mit dem sog. „Altpapier“ ihrer Archive wenig oder gar nichts anzufangen wussten, haben es vorgezogen, statt darin zu lesen, die Bestände entweder ganz oder teilweise zu veräußern oder einfach im Container „sach- und fachgerecht“ zu entsorgen. Ich habe dies einmal in anderem Zusammenhang eine „politisch progressive Entsorgung“ genannt.
In dieser Zeit waren auch die Franken hochschul- und gesellschaftspolitisch sehr aktiv und haben das Archiv während ihrer Studienzeit nicht oder nur sehr selten betreten. In diesen Jahren hat sich Frau Dr. Lindig große Verdienste um die Ordnung unseres Frankenarchivs erworben. Sie hat mit wenigen Bundesbrüdern (hier sind vor allem die Namen der Bundesbrüder Wilstermann II, Mohr, Hölscher und Reumuth zu nennen), in archivarisch „finsterer Zeit“ die Fackel der Kontinuität weiter getragen und zusammen mit den genannten Bundesbrüdern dafür gesorgt, dass keine Verringerung der Archivbestände
stattfand, geschweige denn, dass es zu einer „politisch progressiven Entsorgung“ kommt.
In den achtziger Jahren wurde dann die heutige Archivkommission berufen, welche diese Aufgabe noch heute wahrnimmt.
Eine räumliche Erweiterung erfuhr unser Archiv im Jahre 1983, da ihm durch den Neubau unseres Wohnheims ein zusätzlicher Raum zur Verfügung gestellt wurde. Dazu kam dann einige Jahre später noch der Spitzbogen, im dem vor allem Alt-Akten untergebracht sind.
Das heutige Frankenarchiv
Träger des Archivs war und ist die Altherrenschaft. Sie hat die Archivkommission eingesetzt, welcher neben der organisatorischen auch die tägliche Arbeit obliegt und die dem Vorstand berichtspflichtig ist.Das Frankenarchiv teilt sich in zwei unterschiedliche Abteilungen, das eigentliche Archiv und die Bibliothek. Das Dokumentationsgut des Archivs ist weitestgehend durch Geschäftsgang und nicht durch Sammeltätigkeit entstanden. Es kommt von der Aktivitas, der Geschäftstelle und den Alten Herren und umfasst
- Personalangelegenheiten, Mitgliedschaften
- Korrespondenzen
- Kassenangelegenheiten
- Protokolle
- Festschriften etc.
Hauptaufgabe dieses Archivteils ist die Sicherung und Bewahrung der Dokumentation unserer Traditionen sowie die Bereitstellung von Materialien für unsere Geschichtsschreibung. Die Bibliothek umfasst weit über 10.000 Positionen aus rund 2 Jahrhunderten; daneben gibt es eine Bilder-, Grafik-, Photo- und Couleurkarten-Sammlung aus dem selben Zeitraum; eine Zeitungen und studentische Fachzeitschriften umfassende Sammlung; eine Autographen Abteilung (darunter
einige beachtenswerte Autographe des Heidelberger Franken Joseph Victor von Scheffel dessen Erbe wir uns besonders verpflichtet fühlen); eine kleine Sammlung von Couleurartikeln d.h. Gegenständen aus Glas, Porzellan, Silber und Elfenbein,die mit unserem Wappen oder dem Wappen einer anderen Korporation geschmückt sind; daneben auch Filme und Tonträger.
Die Nutzer des Frankenarchivs teilen sich - grob gesprochen - in zwei Gruppen. Die Mitglieder der Frankonia und sog. „Bundes-Fremde“, die sich wiederum in Korporierte und Nicht - Korporierte aufteilen. In den zurückliegenden Jahrzehnten haben wir verschiedene Seminar-, Magister-, Diplom- und Doktorarbeiten sowie Habilitationen unterstützt und mit Material versorgt. Vor wenigen Monaten erreichte uns die Anfrage, ob wir Bild- und Textmaterial über den Heidelberger Burschenschafter Gustav Peter Körner (den Anführer des Frankfurter Wachensturms vom 3.April 1833) besäßen und ob wir dieses für ein ihm zu Ehren einzurichtendes Museum in den USA (Belleville, Illinois) zur Verfügung stellen könnten. Daneben gibt es immer wieder Anfragen, welche die Universität an uns weiterreicht, aus aller Herren Länder bezüglich ehemaliger Familienmitglieder, die im 19. oder frühen 20. Jahrhundert in Heidelberg studiert haben, und über deren Studienzeit oder Verbindungszugehörigkeit Zweifel bestehen, auch hier versuchen wir zu helfen - soweit wir können.
Neben der o.g. Unterstützung von Bundesbrüdern und Fremden gibt es noch eine Fülle weiterer Aufgaben für unser Frankenarchiv. Da wären zunächst die Vorträge zu nennen, die wir selbst halten oder die wir auf Grund unserer zahlreichen Kontakte vermitteln können. Frau Dr. Lindig sprach z.B. über die Geschichte des Rodensteiner, Bbr. Berger über die „3 Goethes“ in Heidelberg und über das Heidelberger Studentenleben in sechs Jahrhunderten. Daneben vermittelten wir einen interessanten Vortrag über den historischen Perkeo, eine Figur, die in dieser Stadt bis auf den heutigen Tag ausserordentlich grosse Sympathie genießt.
Wir veranstalten in größeren Abständen Ausstellungen mit Exponaten aus unserem Archiv. So haben wir vor geraumer Zeit Heidelberger und studentische Liederbücher aus zwei Jahrhunderten gezeigt. Daneben gehört die Bestückung der Schaukästen auf dem Frankenhaus - mit jeweils aktuellen Exponaten - auch zum Aufgabenbereich der Archivkommission.
In den zurückliegenden Jahren (2006 – 2008) hat die Archivkommission jeweils eine Soirée veranstaltet. Die beiden ersten galten den Bundesbrüdern Joseph Victor von Scheffel und Ludolf von Krehl, die letzte dem Komponisten Otto Lob. In- und externe Referenten trugen dazu bei, dass die Veranstaltungen zu einem Erfolg wurden.
Daneben betreiben wir - in bescheidenem Umfang - auch eigene Forschungen, indem wir z.B. Arbeiten über berühmte Bundesbrüder verfassen. So begleitet z.B. Frau Dr. Lindig, die bereits vor Jahren eine solche Serie in unserer Bundeszeitung ins Leben rief, in jüngster Zeit ein vielbändiges Burschenschafter-Lexikon, welches auch die sog. berühmten Franken jeweils in einer Kurzbiographie darstellt.
Daneben versuchen wir mit verschiedenen Institutionen und Persönlichkeiten Kontakt zu halten, um über einschlägige Forschungsvorhaben und Forschungsergebnisse im Bilde zu sein. Deswegen sind wir auch Mitglied in verschiedenen historischen Vereinen, z.B. dem Verein für burschenschaftliche Geschichtsforschung, dem Verein für corpsstudentische Geschichtsforschung und der Gemeinschaft für deutsche Studentengeschichte. Wichtig für den wissenschaftlichen Kontakt ist auch der Besuch der jährlich stattfindenden Tagungen der Studentenhistoriker.
Bleibt die Frage, welche Bedeutung hat bzw. wozu haben wir ein Frankenarchiv? Die Antwort wird in verschiedenen Frankengenerationen möglicherweise etwas unterschiedlich ausfallen. Die heutige Archivkommission steht auf dem Standpunkt, dass dem Archiv eine doppelte Funktion und Aufgabe zukommt: Es ist einerseits das „Gedächtnis unserer Frankonia“, es dient der Prägung unserer Tradition und der Bewahrung unserer Geschichte und es ist andererseits auch ein bedeutsames „Aushängeschild und Bindeglied“ zur universitären und Heidelberger Öffentlichkeit.
Zu dem Thema "Visionen unseres Archivs" gehört eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, die Gründung eines Arbeitskreises der Archivare der Heidelberger studentischen Korporationen und eine bessere Präsentation unseres Archivs im Internet - doch wie gesagt, dies sind im Augenblick noch Visionen.